Der Kneipp-Bund ist die größte nicht-kommerzielle Gesundheitsorganisation in Deutschland und setzt sich vorrangig für die Stärkung von Prävention und Gesundheitsförderung ein. Warum beteiligt sich der Kneipp-Bund als eine von drei Trägerorganisationen an der Kampagne „weil‘s hilft“? Ein Interview mit Klaus Holetschek MdL, Präsident Kneipp-Bund e. V.

KH: Unser Satzungsziel lautet „Gesunde Menschen“. Wir sehen hierin auch eine politische bzw. gesellschaftliche Verpflichtung. Denn auch die Rahmenbedingungen müssen stimmen, damit jeder Einzelne Verantwortung für seine Gesundheit übernehmen kann und die nötige, individuelle Unterstützung erhält. Als überzeugter Verfechter eines salutogenetischen Gesundheitsansatzes, das den ganzen Menschen im Blick hat, fordert der Kneipp-Bund seit langem eine gesundheitszentrierte Medizin, die nicht nur darauf fokussiert ist, Krankheiten zu behandeln.

Zwar sind wir selbst den Kneippschen Naturheilverfahren verpflichtet, aber bei der Kampagne geht es doch um weit mehr als nur um eine bestimmte Therapiemethode: Wir kämpfen für die Anerkennung bewährter naturmedizinischer Verfahren und für die verbesserte Zusammenarbeit mit der Schulmedizin im Gesundheitssystem. Zusammen mit unseren Kampagnenpartnern setzen wir uns dafür ein, dass endlich ein Umdenken erfolgt und die notwendigen Voraussetzungen geschaffen werden. Unsere Mitglieder erwarten, dass wir uns hierfür stark machen.

Wie lauten Ihre Kritikpunkte am Gesundheitssystem?

KH: Die aktuellen Zahlen zu den Gesundheitsausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung sind erschreckend: Wir geben inzwischen mehr als 1 Milliarde täglich für Krankheitskosten aus, aber von dieser immensen Summe fließen weniger als zwei Prozent in ambulante Vorsorge- und Rehamaßnahmen. Es müsste inzwischen allen klar sein, dass sich unser Gesundheitssystem diese Schieflage auf Dauer nicht leisten kann – und auch nicht leisten können sollte. Gesundheit und nicht Krankheit muss viel stärker honoriert werden. Aber nicht nur durch einen gesunden Lebensstil des Einzelnen, sondern auch die Beteiligung der behandelnden Ärzte, z.B. indem sie durch finanzielle Anreize zu Präventionsleistungen verpflichtet werden. Im Vordergrund muss die Frage stehen „Was hält bzw. was macht mich gesund?“

Und Ihre wichtigsten Botschaften?

KH: An die Gesundheitspolitik richten wir den dringenden Appell, endlich öffentliche Bundesmittel für die Erforschung anerkannter naturmedizinischer Verfahren zur Verfügung zu stellen und darüber hinaus die Wirksamkeit der Integrativen Medizin als Verbindung von Natur- und Schulmedizin zu untersuchen. Es ist nicht länger hinnehmbar, dass die fehlende wissenschaftliche Evidenz gebetsmühlenartig als Argument für die Nicht-Anerkennung bewährter, traditioneller Verfahren herangezogen wird, solche anwendungsorientierten Studien aber privat finanziert werden müssen.

Die Menschen in unserem Land erwarten von den gewählten Vertretern, dass sie ihre Stimme hören – drei Viertel wenden naturmedizinische Verfahren ja schon an und haben gute Erfahrungen gemacht, müssen sie aber oft aus eigener Tasche bezahlen. Hieran muss sich nun schnell etwas ändern.

Sie sind selbst Politiker und außerdem Bürgerbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung. Was sagen Ihnen die Menschen vor Ort?

KH: Ich erfahre in meinen Gesprächen immer wieder, dass ihr Bedürfnis nach sanfter, natürlicher Medizin sehr groß ist. Dabei geht es nicht nur um die „sprechende Medizin“, die im Moment gerne als Argument für Verbesserungen in der schulmedizinischen Ausbildung herangezogen wird (Stichwort „Arzt-Patienten-Kommunikation“). Es geht um mehr: Die Menschen verstehen einfach nicht, warum teure Reparaturmedizin von den Kassen bezahlt wird, aber viel preiswertere Verfahren aus dem Bereich der Naturmedizin, die sich in der Praxis bewährt haben, eben nicht.

Was bedeutet Integrative Medizin für Sie als Politiker?

KH: Für mich ist sie die Medizin der Zukunft. Die Verbindung bzw. gegenseitige Ergänzung von Natur- und Schulmedizin mit dem Versprechen, den optimalen Behandlungsweg im jeweiligen Einzelfall herbeizuführen, halte ich für den einzig sinnvollen Weg in einem gesundheitszentrierten und patientenorientierten Gesundheitssystem. Entscheidend ist, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und hierfür eine Brücke zwischen den verschiedenen Gesundheitsdisziplinen zu schlagen.

Noch ein Wort zur Homöopathie: Haben Sie Angst, „unter die Räder“ der Skeptiker zur geraten?

KH: Nein, überhaupt nicht. Unser Verband und unsere Mitglieder bleiben ja den Kneippschen Naturheilverfahren mit den fünf Elementen verpflichtet. Ich betone aber noch einmal: Es geht in der Kampagne um die Erhaltung der Wahlfreiheit für Patienten und um Gerechtigkeit im Gesundheitssystem. Außerdem werden auch wir in unserer Weiterentwicklung ganz massiv durch die fehlende staatliche Unterstützung eingeschränkt. Darunter leiden nicht nur wir als Verband, sondern jedes einzelne Mitglied. Die Menschen wollen gehört werden und sie möchten, dass diese Leistungen von den Krankenkassen genauso wie die schulmedizinischen Leistungen bezahlt werden. Auch die Kampagnen-Forderung, dass die Naturheilkunde und Naturheilmedizin eine viel breitere und stärkere Integration an den Universitäten und medizinischen Ausbildungsstätten erfährt und für die medizinische Versorgung klare Qualitätsstandards definiert werden, deckt sich mit unseren Zielen.

Mit unserer Beteiligung an der Kampagne wollen wir dazu beitragen, unsere Verfahren stärker im Gesundheitssystem zu verankern und auf allen Ebenen ein Bewusstsein dafür zu schaffen, um so ein deutliches Plus an Gesundheit, weniger Leiden und weniger Kosten im Gesundheitssystem zu erreichen. Die kritische Diskussion um die Wirkmechanismen und Kostenerstattung der Homöopathie zeigt doch ganz deutlich, dass wir nun endlich ein interdisziplinäres, staatlich gefördertes Forschungsinstitut brauchen, das die Wirksamkeit und Sicherheit der verschiedenen naturmedizinischen Verfahren ohne Scheuklappen erforscht und ihren Nutzen für die Verbesserung der Gesundheitsversorgung herausarbeitet - damit Bürgerinnen und Bürger, aber auch Politik und Selbstverwaltung eine solide Basis für ihre Entscheidungen haben. Polemik und Vorverurteilungen bringen uns dagegen nicht weiter.

zurück zur Übersicht