17. März 2022 - Das Konzept der evidenzbasierten Medizin wurde maßgeblich von den beiden kanadischen Ärzten, David Sackett und Gordon Guyatt entwickelt. Ihr Ziel war es, Beweise aus Studien für die bestmögliche individuelle Behandlung von Patient*innen zugänglich, vergleichbar und nutzbar zu machen. Diese Herangehensweise war neu, denn bis in die 1970er Jahre konnte sich die Behandlung von Patient*innen mit derselben Erkrankung von Klinik zu Klinik oder sogar von Arzt zu Arzt beziehungsweise Ärztin zu Ärztin stark unterscheiden – oft mit großen Nachteilen für Patient*innen. 

Das ursprüngliche Konzept der Evidenzbasierten Medizin (EbM) beruht laut ihrem Gründer David Sackett auf drei Säulen: 

 

 

  • dem aktuellen Stand der klinischen Forschung (beste verfügbare externe Evidenz) 
  • der ärztlichen Erfahrung (individuelle klinische Expertise oder interne Evidenz) 
  • den individuellen Werten und Präferenzen der Patient*innen (Patient*innenpräferenz) 

Daraus folgt, dass Daten aus Studien nie gleichbedeutend sind mit Evidenz in der Medizin und für sich alleinstehen können. Denn im Unterschied zu reinen Naturwissenschaften ist Studienwissen für Mediziner*innen immer eine Anleitung zum Handeln, in das ihr Können und ihre Urteilskraft ebenso einfließen müssen wie die besondere Situation jeder Patientin / jedes Patienten. Denn selbst exzellente Forschungsergebnisse können in einem konkreten Fall nicht anwendbar oder unpassend sein, wenn gewichtige persönliche Gründe dagegensprechen. 

Eine qualitativ hochwertige, evidenzbasierte Versorgung ist vergleichbar mit der Zusammenarbeit in einem Team, das aus drei Mitgliedern besteht, die ständig untereinander kommunizieren: der klinischen Erfahrung der Ärzt*innen (interne Evidenz), Beweisen aus wissenschaftlichen Studien (externe Evidenz) und den Werten von Patient*innen (Patient*innenpräferenz). Die Entscheidung über die beste Therapie ist dann möglich, wenn alle Mitglieder gleichberechtigt und auf Augenhöhe einbezogen werden. 

Leider wird der Begriff der Evidenz heute nur noch selten im Sinne ihrer Begründer genutzt. Viele Politiker*innen, Journalist*innen und Wissenschaftler*innen setzen den Begriff "Evidenz" nur noch mit Beweisen aus wissenschaftlichen Studien gleich. Doch das ist viel zu kurz gegriffen.