Newsletter September 2019 - Vieles, was in der Medizin in Studien erforscht wird, gilt ja als unumstößliche Wahrheit. Dass dem nicht so ist, zeigt jetzt eine Übersichtsarbeit aus den USA. Sie hat untersucht, wie oft es in der Medizin Kehrtwenden gab: 396 Studien zeigen, dass die evidenzbasierte Medizin nicht so eindeutig ist, wie sie gerne vorgibt.

„Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“, lautet ein weiser Satz des französischen Malers und Schriftstellers Francis Picabia (1879 – 1953). Wie wahr er ist, zeigt jetzt die Übersichtsarbeit von Diana Herrera-Perez von der Oregon Health & Science University in Portland (USA). Sie untersuchte, wie oft sich ein bereits weitverbreitetes medizinisches Verfahren später doch als nutzlos oder wenig hilfreich erwiese habe.

Das beeindruckende Ergebnis: Zwischen 2003 und 2017 fand sie unter 3.017 hochrangigen Forschungsarbeiten 396 Studien, die als „medizinische Kehrtwenden“ einzustufen waren. Am häufigsten war die Kardiologie betroffen, sowohl bei Eingriffen wie auch bei den Medikamenten. Aber auch Oberschenkel-Kompressionsstrümpfe zur Vorbeugung von Thrombosen nach einem Schlaganfall haben sich als wenig hilfreich erwiesen. Oder die Hormontherapie in den Wechseljahren. Oder Gelenkspiegelungen bei Meniskuseinrissen und Arthrose. Oder der Einsatz von starken, opioidhaltigen Schmerzmitteln nach Knochenbrüchen – die damit verbundenen Schmerzen können mit einer Kombination aus Ibuprofen und Paracetamol genauso gut beherrscht werden.

Quellen:
aerztezeitung, 10. August 2019
eLife Sciences, 11. Juni 2019