21. Oktober 2020 - Warum eine Pille wirkt, obwohl sie keine Wirkstoffe enthält, bleibt für Wissenschaftler bisher ein Rätsel. Was eine Scheinbehandlung mit Reizstrom gegen Übelkeit kann und wie sich bestimmte Proteine verändern, finden Forscher*innen nun heraus.

Als Placebos werden Scheinmedikamente, Scheinbehandlungen oder Scheinoperationen bezeichnet. Sie werden normalerweise als Kontrollmittel eingesetzt, um die tatsächliche Wirksamkeit von Medikamenten und Behandlungen wissenschaftlich zu überprüfen. Doch Placebos haben Wirkungen, auch wenn die Menschen, die sie erhalten, darüber Bescheid wissen, dass sie Scheinmittel bekommen. Dieser für Forscher*innen rätselhafte Vorgang wird als Placebo-Effekt bezeichnet.

Dass der Placebo-Effekt nicht nur auf psychischer Ebene entsteht, sondern auch körperliche Veränderungen hervorruft, hat ein Forscherteam um Karin Meißner von der Ludwig-Maximilians-Universität München und des Helmholtz-Zentrums München nun herausgefunden. Für ihre Untersuchung setzten die Forscher*innen insgesamt 90 Probanden einem visuellen Reiz an zwei aufeinanderfolgenden Tagen aus, der akute Übelkeit verursacht. Danach wurden die Proband*innen nach ihrem Befinden befragt, die Magenaktivität gemessen und Blutproben entnommen. Im Blut der Studienteilnehmer*innen wurden alle Proteine analysiert, der sogenannten Proteomik.

Grundlage für Placebo-Forschung

„Es ist die erste Studie überhaupt, die die Methode der Proteomik, also der Erforschung aller im Körper vorkommenden Proteine, im Kontext der Placebo-Forschung eingesetzt hat", sagt Karin Meißner laut einer Mitteilung der Universität. Proteomik biete demnach einen unvoreingenommenen Blick auf den Placeboeffekt.

Am zweiten Untersuchungstag folgte dann der eigentliche Placebo-Test. Die Teilnehmer*innen der Studie wurden zunächst wieder durch den visuellen Reiz in Übelkeit versetzt. Eine Gruppe erhielt eine Reizstrombehandlung mit einem Gerät, das an den Akupunkturpunkten angelegt wurde, die gegen Übelkeit wirken. Der andere Teil der Probanden bekam hingegen eine Scheinbehandlung ohne tiefenwirksamen Strom. Auch nach diesem Test wurden Symptome abgefragt, Magenaktivität gemessen, Blut entnommen und untersucht.

Dabei zeigte sich: Die Scheinbehandlung lindert nicht nur das subjektive Empfinden der Studienteilnehmer*innen und reguliert die Magenaktivität. Sie verändert zudem messbar insgesamt 74 Proteine im Blut der Probanden. Konkret waren einerseits Proteine reduziert, die das Immunsystem des Körpers normalerweise als Antwort auf akute Übelkeit ausschüttet. Andererseits gab es aber auch einen Konzentrationsanstieg an sogenannten Neuropeptiden, also an Botenstoffen, die unter anderem für emphatisches Verhalten und soziale Bindung eine wichtige Rolle spielen.

Übelkeit als Studienansatz

Übelkeit beim Reisen oder als Symptom im medizinischen Kontext, etwa als Nebenwirkung von Medikamenten und Narkosen oder in der Schwangerschaft, bleibt ein wichtiges Thema. Bislang untersuchten Wissenschaftler*innen vor allem den Placeboeffekt auf Schmerzen. Zu Übelkeit hingegen gibt es bislang relativ wenige Studien. „Für mich ist das Symptom der Übelkeit besonders spannend, weil es mit messbaren Änderungen der Magenaktivität einhergeht", erklärt Meißner ihren Ansatz. Damit lasse sich sozusagen der Phantom-Effekt auf körperlicher Ebene unmittelbar untersuchen. Generell konnte die entdeckte Proteinsignatur im Blutplasma mit erstaunlich hoher Genauigkeit vorhersagen, welche/r Proband*in einen großen Placebo-Effekt entwickeln würde, so Meißner weiter zu ihren Ergebnissen.

Eine weitere Überraschung gab es bei einem anderen physiologischen Marker: der Magenaktivität von Männern und Frauen. Übelkeit führt zu einer messbaren Veränderung der Magenaktivität. Bei Frauen normalisierte sich die Aktivität durch die Placebo-Behandlung, bei Männern nicht. „Die Gründe für diesen Geschlechterunterschied sind noch nicht bekannt“, so Meißner. „Sie hängen aber möglicherweise mit einer unterschiedlichen körperlichen Anpassung der Geschlechter an Stressreize zusammen.“

Die Ergebnisse wurden im Fachmagazin PLOS One veröffentlicht.