04. August 2021 - Der Behandlungserfolg der gegenwärtigen Medizin beruht auf einem bestimmten Menschenbild: Der Mensch als komplexe Maschine wurde für die naturwissenschaftliche Forschung zugänglich. Krankheit wurde als Fehlfunktion dieser Maschine interpretiert. Dieses mechanistische Verständnis des menschlichen Körpers nahm seinen Anfang in der Neuzeit. Das alte Modell, die Säftelehre von Galen, wurde durch ein wissenschaftliches Modell abgelöst. Doch was bedeutet es für die ärztliche Praxis und die Patient*innen selbst, wenn der Mensch als komplexe Maschine verstanden wird?

Trennung von Körper und Geist

Die Erkenntnisse über die Funktionsweise des menschlichen Körpers entspringen der Betrachtung des Menschen auf naturwissenschaftlicher Grundlage. Damit wurden vorherige Erklärungsmodelle abgelöst. Als Basis dieser Neuorientierung der Medizin ab dem 18. Jahrhundert ist die Trennung von Körper und Geist entscheidend: Körperliche Vorgänge werden als naturwissenschaftliche Mechanismen verstanden. Somit sind Krankheiten keine rätselhaften Erscheinungen mehr, sondern wissenschaftlich erklärbar. Der Mensch und seine Krankheiten wurden als Forschungsobjekte verfügbar. Mit dem Einzug dieser wissenschaftlichen Methode in die Medizin ging jedoch eine verkürzte Betrachtung einher: Psychische Vorgänge und Umwelteinflüsse ließen sich nicht als isolierte Mechanismen herausstellen. Sie fielen somit aus dem Horizont der naturwissenschaftlich orientierten Medizin heraus. (1)

Das mechanistische Verständnis des Menschen richtet die Aufmerksamkeit auf die Pathogenese, also die Entstehung und Entwicklung von Krankheiten. Ziel der naturwissenschaftlichen Medizin ist es, Krankheiten zu erforschen: Typische Symptome werden klassifiziert und Krankheitserreger im Labor identifiziert. In diesem Zusammenhang sind zwei Entwicklungen des 19. Jahrhunderts bedeutsam: die Entwicklung der Labormedizin und die Etablierung der Krankenhausmedizin. Beide Bereiche der Medizin sind bis heute für unser Gesundheitssystem grundlegend.

Durch die Labormedizin konnten Krankheitserreger wie Bakterien und Viren identifiziert werden. In den Krankenhäusern des 19. Jahrhunderts wurden Symptome von Patient*innen systematisiert, wodurch Krankheitsbilder entstanden. (2) Beide Formen der Schulmedizin beruhen auf der Annahme, der menschliche Körper sei lediglich eine komplexe Maschine. Fehlfunktionen des Körpers könnten eindeutig diagnostiziert werden, so die erste Annahme. Die Behandlung mit Medikamenten als zweiter Schritt behebt die Fehlfunktionen des Körpers. Die Patient*innen selbst als fühlende, denkende und handelnde Menschen rückten aus dem Fokus der Medizin.

Das mechanistische Verständnis des Menschen hat ohne Zweifel große Fortschritte in der medizinischen Behandlung hervorgebracht. Allerdings werden auch die Grenzen dieses Menschenbildes sichtbar: Chronische Krankheiten beispielsweise sind nicht auf einen einzelnen Mechanismus zurückführbar.

Biopsychosoziale Medizin und ihre drei Ebenen

Im 20. Jahrhundert wurde das Verständnis des Menschen durch das Konzept der biopsychosozialen Medizin erweitert. Die Schwächen einer rein mechanistischen Vorstellung des Menschen waren in der ärztlichen Behandlung sichtbar geworden. Eine Medizin, die den Patient*innen gerecht werden will, muss ebenso die psychischen und sozialen Voraussetzungen berücksichtigen.(3) Krankheit ist somit nicht länger allein eine körperliche Fehlfunktion. Vielmehr sind psychische und soziale Faktoren in der Medizin ebenso zu berücksichtigen.

Das biopsychosoziale Modell von Gesundheit und Krankheit umfasst drei Ebenen:

* 1. die biologischen Voraussetzungen wie beispielsweise Viren, Bakterien, genetische Voraussetzungen und die körperliche Verfassung. 

* 2. werden psychische Faktoren in diesem Modell einbezogen. Dabei werden sowohl die stärkenden Faktoren als auch belastende Einflüsse betrachtet, denn klar ist, dass Stressoren und belastende Gefühle die  Krankheitsentstehung fördern. Schützende Faktoren wie Bewältigungsstrategien tragen hingegen zur Gesunderhaltung bei.

* 3. Die soziale Ebene ist in diesem Modell als dritter Faktor von Gesundheit und Krankheit relevant: Der sozioökonomische Status von Patient*innen (Wohn-, Arbeits- und Lebensverhältnisse) sowie die sozialen Netzwerke können entweder als stärkende Ressourcen oder als Faktoren der Krankheitsentstehung wirken. (4)

In der biopsychosozialen Medizin wird die Trennung von Körper und Geist aufgehoben. Ein ganzheitliches Verständnis des Menschen in der Medizin wird möglich. Gerade in der Behandlung von chronischen Krankheiten bietet das biopsychosoziale Modell große Vorteile: Schützende Faktoren auf den drei Ebenen - Körper, Psyche, soziales Umfeld - können von Patient*innen als Ressourcen genutzt werden. Dabei steht die Selbstwirksamkeit bei dem Umgang mit Erkrankungen im Vordergrund. Wichtige Voraussetzungen für eine gesundheitsfördernde Lebensweise sind dabei Achtsamkeit, eine positive Lebenseinstellung und ein stabiles soziales Umfeld.

Fazit

Das mechanistisch-reduktionistische Menschenbild ist als verkürzt herausgestellt worden, da wichtige Faktoren ausgelassen werden. Durch das biopsychosoziale Modell in der modernen Schulmedizin sind vernachlässigte Aspekte von Gesundheit und Krankheit in die ärztliche Praxis integriert worden. Die Trennung von Körper und Geist in den Anfängen der Schulmedizin hat viel zu der Behandlung von Krankheiten beigetragen. Doch die Grenzen dieser Sichtweise sind deutlich: Isolierte Mechanismen sind bei chronischen Erkrankungen und psychischen Störungen nicht ausreichend. Eine Integrative Medizin, die Gesunderhaltung und Krankheitsbehandlung vereint, ist die Zukunft der Medizin.

(1) Maio, Giovanni (2017): Mittelpunkt Mensch. Lehrbuch der Ethik in der Medizin. Mit einer Einführung in die Ethik der Pflege. 2. Auflage. Stuttgart: Schattauer.
(2) Gradmann, Christoph (2010): Krankheit im Labor. Robert Koch und die medizinische Bakteriologie. 2. Auflage Göttingen: Wallstein-Verlag.
(3) Engel 1992: https://psycnet.apa.org/record/1993-18472-001
(4) https://www.uni-augsburg.de/de/fakultaet/med/profs/medpsych/lehre/schwerpunkte-lehre/bps/