Unsere 3 Fragen an gehen diesmal an Irina Cichon. Sie ist Senior Projektmanagerin im Bereich Gesundheit bei der Robert Bosch Stiftung GmbH und war am spannenden Projekt: Initiative Neustart  beteiligt. Hier hatten Bürger:innen und Expert:innen Raum in drei Diskussionsformaten (Bürgerdialoge, Think Labs und gesundheitspolitische Podien) Reformvorschläge für ein Gesundheitswesen der Zukunft zu erarbeiten. Dabei tritt die Bosch Stiftung für ein Gesundheitssystem ein, das dem Menschen zugewandt, patientenorientiert, multiprofessionell, qualitätsgeprägt und offen für Innovationen ist – und hier sieht Frau Cichon auch die Verbindung zu weil’s hilft! Ihr persönlicher Gesundheitstipp: Eine offene Haltung und Neugierde, sich nicht grundsätzlich neuen Ansätzen verschließen und diese auf Wirksamkeit erproben und kritisch vergleichen. 

 

1. Initiative Neustart – warum braucht es diese Reformwerkstatt für das Gesundheitswesen?  

Die Initiative „Neustart! Reformwerkstatt für unser Gesundheitswesen“ ist 2018 angetreten, gemeinsam mit Bürger:innen und Expert:innen langfristig Vorschläge für ein zukunftsfähiges Gesundheitssystem zu entwickeln. Wir sehen im Gesundheitsbereich einen deutlichen Weiterentwicklungsstau. Gerade die Corona-Pandemie hat so manche Baustellen schonungslos offengelegt, wie zum Beispiel unsere Schwäche im Bereich Öffentliche Gesundheit und starre Fixierung auf die Behandlung Kranker, Pflegenotstand, zögerliche Digitalisierung und Festhalten an den Sektorengrenzen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung. Fehlanzeige herrscht auch bei strategischen Konzepten, die das System in einer alternden Gesellschaft mit immer mehr multimorbiden, chronisch kranken Menschen strukturell zukunftsfähig machen. Dafür braucht es weitreichende Reform- und Weiterentwicklungsbemühungen, um Herausforderungen wie den Fachkräftemangel, die Digitalisierung, das Stadt-Land-Gefälle und den demografischen Wandel zu meistern. Wir wollen echte, zukunftsgerichtete Veränderungen im System im Sinne der Menschen und fordern mehr Mut zu Reformen, für die Menschen und unsere Zukunft!             

 

2. Was sind die zentralen Ergebnisse, die von Bürger:innen und Expert:innen erarbeitet wurden?

Kern der Neustart!-Initiative bildeten Dialogveranstaltungen, an denen sich fast 700 zufällig ausgewählte Bürger:innen aus ganz Deutschland und rund 140 Expert:innen aus Wissenschaft und Praxis beteiligten. Das dabei entwickelte Grundsatzpapier – „Die Neustart! Zukunftsagenda – für Gesundheit, Partizipation und Gemeinwohl“ – ist ein eindeutiges Plädoyer für ein solidarisches, zukunftsfähiges und patientenorientiertes Gesundheitswesen. Gefordert wird eine radikale Neuausrichtung des Systems auf Prävention und soziale Gesundheit im Sinne einer vorsorgenden Gesundheitspolitik. 

Zu den konkret vorgeschlagenen Maßnahmen der Initiative gehören zum Beispiel eine flächendeckende Einrichtung von Primärversorgungszentren, die zum einen die Grundversorgung vor Ort gewährleisten und die darüber hinaus in der Kommune integriert den Menschen in seinen unterschiedlichen Lebenslagen mit passenden Unterstützungsangeboten fachübergreifend helfen – auch mit Präventionsangeboten und Gesundheitsförderung. Deswegen lautet eine der zentralen Forderungen – mehr Autonomie und Verantwortung im Gesundheitsbereich für Städte und Landkreise.  Weitere Forderungen: Eine stärkere Partizipation der Bürger:innen und mehr Bildung zum Thema Gesundheit, mehr digitale Kompetenz, höhere Investitionen in Gesundheitsberufe – in Spitzenmedizin und Spitzenpflege sowie stärkere interprofessionelle Zusammenarbeit aller Berufsgruppen für eine ganzheitliche Gesundheitsversorgung.

 

3. Was sind die nächsten Schritte für einen echten Neustart und Richtung Zukunft?

Die Corona- Pandemie hat uns auf drastische Weise die existentielle Bedeutung von Gesundheit und gleichzeitig die strukturellen Mängel unseres Gesundheitssystems vor Augen geführt. Worauf sollen wir als Gesellschaft noch warten? Wir haben keine Zeit zu verlieren und wieder mal nur „kleinere“ Anpassungen vorzunehmen. Die Vorschläge aus der Mitte Deutschlands an die Politik liegen auf dem Tisch und die Arbeit muss jetzt auf allen Ebenen zügig beginnen. Mut für tragfähige, zukunftsgerichtete Veränderungen und Entschlossenheit sind endlich angebracht, um unsere Gesundheitsversorgung – so paradox es klingt – tatsächlich auf Gesundheit auszurichten.

 

Weitere Infos zur Initiative Neustart sind auf der Webseite: https://www.neustart-fuer-gesundheit.de/ zu finden oder über den Twitteraccount: https://twitter.com/RBSG_Health