Im Vorfeld der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz haben wir die Wahlprogramme der Parteien daraufhin untersucht, welche Rolle Integrative Medizin, Naturheilkunde oder komplementärmedizinische Ansätze in der Gesundheitspolitik spielen.
Das Ergebnis ist eindeutig: Keines (!) der Programme erwähnt Integrative Medizin, Naturheilkunde, Homöopathie oder Komplementärmedizin oder ähnliche Begriffe explizit.
Für die Auswertung wurden die Wahlprogramme systematisch nach Begriffen wie Integrative Medizin, Naturheilkunde, Komplementärmedizin, Homöopathie, Alternativmedizin sowie nach angrenzenden Themen wie Prävention oder Gesundheitsförderung durchsucht.
Dabei zeigt sich ein interessantes Muster. Während das Thema selbst kaum benannt wird, greifen viele Parteien gesundheitspolitische Aspekte auf, die grundsätzlich anschlussfähig an ein integratives Gesundheitsverständnis sind.
Gesundheitspolitik erscheint in den Wahlprogrammen allerdings meist vor allem als Strukturpolitik. Viele Programme enthalten Kapitel zu „Gesundheit und Pflege“. Der Fokus liegt dort vor allem auf Themen wie Krankenhausversorgung, Ärztemangel, Pflege, Digitalisierung oder Notfallstrukturen. Grundlegende Fragen danach, wie Gesundheit künftig gedacht und gestaltet werden soll, spielen dagegen eine deutlich kleinere Rolle.
Prävention und Gesundheitsförderung
Nahezu alle Parteien betonen die Bedeutung von Prävention und Gesundheitsförderung. Sie sprechen darüber, Krankheiten möglichst früh zu verhindern, Gesundheitskompetenz zu stärken oder Bewegung, Ernährung und mentale Gesundheit stärker zu fördern.
Das sind wichtige Ansätze. Aus unserer Sicht reicht Prävention jedoch weiter. Gesundheit entsteht nicht nur im medizinischen System, sondern auch in Alltag, Arbeit, Beziehungen und Umwelt. Eine integrative Gesundheitsversorgung versucht deshalb, Prävention umfassender zu denken und Menschen dabei zu unterstützen, ihre Gesundheit aktiv zu stärken.
Wohnortnahe Versorgung
Ein weiteres zentrales Thema ist die wohnortnahe medizinische Versorgung, besonders im ländlichen Raum. Viele Programme betonen, dass ärztliche und therapeutische Angebote gut erreichbar bleiben sollen. Diskutiert werden unter anderem Gesundheitszentren, mobile Angebote oder neue Versorgungsformen.
Hier sehen wir großes Potenzial. Eine wohnortnahe Versorgung kann nicht nur medizinische Leistungen sichern, sondern auch Räume für eine vielfältige Gesundheitskultur schaffen. Integrative Ansätze verbinden unterschiedliche Gesundheitsberufe und Therapierichtungen und eröffnen so neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit.
Zusammenarbeit verschiedener Gesundheitsberufe
Mehrere Parteien sprechen sich für eine stärkere Zusammenarbeit verschiedener Gesundheitsberufe aus. Dahinter steht die Idee, medizinische Versorgung stärker in Teams zu organisieren, etwa durch Kooperation zwischen Ärztinnen und Ärzten, Pflegekräften, Therapeutinnen und Therapeuten oder weiteren Gesundheitsberufen.
Diese Entwicklung begrüßen wir ausdrücklich. Eine integrative Gesundheitsversorgung lebt davon, dass unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen und gemeinsam zum Wohl der Patientinnen und Patienten wirken.
Patient:innen im Mittelpunkt
Auch der Gedanke einer patientenorientierten Versorgung taucht in verschiedenen Programmen auf. Gemeint sind etwa bessere Information, mehr Transparenz im Gesundheitssystem oder eine stärkere Orientierung an den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten.
All das sind wichtige Schritte. Aus unserer Sicht bedeutet es jedoch noch mehr, den Menschen wirklich ins Zentrum zu stellen. Gesundheit betrifft nicht nur den Körper, sondern auch seelische, soziale und biografische Dimensionen. Integrative Medizin versucht deshalb, den Menschen in seiner ganzen Lebenssituation wahrzunehmen und unterschiedliche Wege der Unterstützung miteinander zu verbinden.
Große Nachfrage, kleines Thema im Wahlkampf
Die Auswertung zeigt damit ein klares Bild: Themen wie Prävention, Versorgungssicherheit und Zusammenarbeit im Gesundheitswesen spielen in den Wahlprogrammen eine wichtige Rolle. Integrative Medizin selbst wird jedoch kaum oder gar nicht ausdrücklich thematisiert.
Dabei nutzen viele Menschen in Deutschland komplementäre und naturheilkundliche Angebote. In Kliniken, Arztpraxen und bei Krankenkassen gibt es zahlreiche integrative Ansätze. Gleichzeitig zeigen Umfragen seit Jahren, dass ein großer Teil der Bevölkerung solche Verfahren zumindest gelegentlich nutzt.
Umso bemerkenswerter ist, dass dieses Feld in den gesundheitspolitischen Programmen der Parteien kaum sichtbar wird. Während Prävention, Gesundheitsförderung und neue Versorgungsformen breit diskutiert werden, bleibt offen, welche Rolle komplementäre oder integrative Ansätze in diesem Verständnis künftig spielen sollen.
Viele Programme formulieren wichtige Ziele wie Prävention, bessere Zusammenarbeit oder patientenorientierte Versorgung. Konkrete Ideen, wie ein wirklich ganzheitlich ausgerichtetes Gesundheitssystem aussehen könnte, bleiben jedoch oft vage. Vieles bleibt auf der Ebene von Leitbegriffen und Absichtserklärungen.
Gerade hier könnte eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Integrativer Medizin neue Perspektiven eröffnen, etwa wenn es darum geht, Prävention, Lebensstil, therapeutische Vielfalt und individuelle Bedürfnisse stärker miteinander zu verbinden.
Weitere Themen im Blick behalten
Selbstverständlich gibt es zahlreiche Themen, die über Gesundheitspolitik hinausgehen und für die persönliche Wahlentscheidung relevant sein können. Wer sich schnell einen Überblick verschaffen möchte, kann den Kandidierendencheck von Abgeordnetenwatch nutzen. Dort werden verschiedene politische Themen abgefragt, sodass man in wenigen Minuten sehen kann, welche Kandidierenden und Parteien am ehesten zur eigenen Position passen: https://www.kandidierendencheck.de/rheinland-pfalz
Quellen unserer Auswertung: Wahlprogramme der Parteien zur Landtagswahl Rheinland-Pfalz 2026
- SPD Rheinland-Pfalz
- CDU Rheinland-Pfalz
- Bündnis 90/Die Grünen Rheinland-Pfalz
- FDP Rheinland-Pfalz
- AfD Rheinland-Pfalz
- VOLT Rheinland-Pfalz
- Freie Wähler
