
Unser Gespräch zur Zukunft der Integrativen Medizin
Welche Rolle kann Integrative Medizin für die Gesundheitsversorgung der Zukunft spielen? Und wie bewertet die Landespolitik die bestehenden Strukturen in Baden-Württemberg?
Im Nachgang unserer Kampagne zur Landtagswahl 2026 haben wir mit dem geschäftsführenden Gesundheitsminister Manfred Lucha über aktuelle Herausforderungen im Gesundheitssystem, die Bedeutung integrativer Ansätze und mögliche politische Entwicklungsschritte gesprochen.
weil’s hilft!: Herr Lucha, zunächst würde uns interessieren, wie Sie auf die vergangene Legislaturperiode in Baden-Württemberg zurückblicken. Sie haben hinsichtlich der Integrativen Medizin viel in Angriff genommen und gestaltet, und aus unserer Sicht ist vieles gelungen.
Manfred Lucha: Zunächst einmal herzlichen Dank der Nachfrage und für Ihr Engagement. Es ist tatsächlich so, seit 2016 hat die Integrative und Komplementäre Medizin in der gesamten Landesregierung einen wichtigen Stand. Es ist für uns ein wichtiges Thema und wir haben in den beiden vergangenen Legislaturperioden wichtige Punkte erreicht. Ich möchte mal ein paar aufzählen:
Vorneweg die Einrichtung der Professur für die Erforschung komplementärmedizinischer Verfahren an der Universität Tübingen mit Prof. Dr. Holger Cramer. Damit haben wir die erste rein wissenschaftliche Professur im Bereich der Komplementärmedizin an einer deutschen Universität geschaffen.

Weiterhin war mir persönlich die Gründung des Kompetenznetzes Integrative Medizin Baden-Württemberg (KIM) sehr wichtig. Wir konnten dieses Netzwerk mit Landesmitteln in Höhe von insgesamt einer Million Euro fördern. Ziel ist es, die wissenschaftliche Evidenz der Komplementären und Integrativen Medizin zu verbessern. Und über allem steht das Ziel der Verbesserung unserer Gesundheitsversorgung. Wir haben viele Projekte zu verschiedenen Erkrankungen durchgeführt und dabei qualitätsgesicherte und praxisnahe integrativ-medizinische Behandlungsempfehlungen entwickelt.
Das Kompetenznetz erfreut sich großer Zusprache und ist immer größer geworden. Es vereint ärztliche, pflegerische, therapeutische und wissenschaftliche Expertise der beteiligten Kliniken und ambulanten Netze, aber auch unserer wissenschaftlichen Institute in der Integrativen Medizin und Pflege (insgesamt 21 Einrichtungen, A.d.R.). Ich bin der Schirmherr dieses Kompetenznetzes und habe mich für den barrierefreien Zugang zu qualitätsgesicherter Integrativer Medizin für alle eingesetzt. Das werde ich auch in Zukunft tun.
wh: Wie beurteilen Sie den aktuellen Stand im Bereich der Integrativen Medizin und was ist Ihre Prognose? Wie könnte es weitergehen auf der Basis dessen, was Sie auf den Weg gebracht haben?
ML: Ja, was wird für die nahe und mittlere Zukunft wichtig? Ich rede hier jetzt für Baden-Württemberg. Wir sind das Kernland Integrativer Medizin. Wir sind auch das Kernland homöopathischer Medizin, darauf möchte ich wertlegen. Über manche verqueren bundepolitischen Debatten zu dem Thema, leider auch in meiner eigenen Partei, bin ich höchst unglücklich. Ich bin auch nicht einverstanden, wenn der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. Andreas Gassen, durch Einschränkungen in diesem Bereich Potential zur Sanierung der Krankenkassen sieht. Unsere Bürgerinnen und Bürger wünschen sich Therapievielfalt und komplementärmedizinische Versorgungsangebote. Es ist wichtig zu wissen: Heute schon haben die meisten Onkologischen Zentren in Baden-Württemberg, begleitend zur spezialärztlichen und konventionellen Medizin, naturheilkundliche und integrativmedizinische Angebote.

Die integrative Onkologie ist kein Ersatz der konventionellen Medizin, sondern Begleitung und Ergänzung. Ich gehe fest davon aus, da wir dankenswerterweise eine älter werdende Gesellschaft sind, dass sich hier noch mehr Bedeutung für die Integrative Medizin ergeben wird. Nicht nur bei den unterstützenden Behandlungen von Krebserkrankungen, sondern auch, das merken wir immer deutlicher, bei chronisch entzündlichen Erkrankungen sowie bei der Behandlung von Atemwegs- und Harnwegserkrankungen. Für uns ist sehr wichtig, dass die Integrative Medizin weiterhin durch wissenschaftliche Studien und Forschung unterstützt wird, um die Wirksamkeit und Sicherheit immer wieder zu überprüfen. Mit der Professur für die Erforschung der komplementärmedizinischen Verfahren an der Uni Tübingen haben wir einen sehr guten Grundstein gelegt. Je mehr Evidenz, desto mehr Qualitätssicherung für Behandlungsmodule und Behandlungspfade. Je mehr wir das leisten können, desto größer werden unsere Chancen, Integrative Medizin im Versorgungssystem zu verankern, was für uns sehr wichtig ist.
wh: Könnte man das noch stärker strukturell verankern, etwa wie in Bayern, wo im Gesundheitsministerium eigens ein Referat für den Themenbereich der Integrativen Medizin geschaffen wurde? Was sind aus Ihrer Sicht sinnvolle Maßnahmen, das Thema programmatisch voranzubringen, auch mit Blick auf die Koalitionsverhandlungen?
ML: Zum einen sind wir dankenswerterweise Standort zahlreicher wichtiger Unternehmen, wie zum Beispiel der Weleda AG, der Wala Heilmittel GmbH, aber auch der Biologische Heilmittel HEEL GmbH in Baden-Baden. Der Pharmastandort Baden-Württemberg ist ein extrem wichtiger Industriezweig für uns. Automotive ist unter Druck, health-motive kommt. Das haben wir vorangetrieben. So konnten wir die Komplementärmedizin wirklich stärken. Wir haben sie in unserer politischen DNA verankert.
Wir haben das KIM, wir haben Fördermittel zur Verfügung gestellt, wir haben auch das Bewusstsein innerhalb unseres Ministeriums. Jetzt stehen Koalitionsverhandlungen für die nächste Legislaturperiode an. Es ist wichtig, dass die Bedeutung der Integrativen Medizin, wie in der Vergangenheit auch, im Koalitionsvertrag festgezurrt wird. Wie wir das arbeitstechnisch bei uns im Haus umsetzen, das muss man dann sehen. Ressourcen, auch Personalressourcen, werden nicht in den Himmel wachsen. Wichtig ist aber, dass das Thema bearbeitet wird. Und wir haben einen großen Vorteil. Dieses Thema ist bei uns in der DNA der ganzen Landesregierung und deshalb glaube ich auch, dass wir im Exekutivbereich die richtige Einordnung finden. Da mache ich mir keine Sorgen. Die Bayern machen immer gerne ein bisschen äußere Show. Wenn man dann dahinterguckt, ist es manchmal glänzend, manchmal aber auch ganz normal wie anderswo auch. Aber über eines dürfen sie sicher sein, die Bedeutung der Integrativen Medizin wird in Baden-Württemberg hochgehalten, davon bin ich fest überzeugt.
wh: Was können wir als Bürgerinnen- und Bürgerbewegung tun, um das Thema aus der Zivilgesellschaft heraus voranzubringen? Haben Sie konkrete Empfehlungen?
ML: Wenn selbst führende Akteure wie der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung Dr. Andreas Gassen in Unkenntnis polemisieren, zeigt das: Wir müssen die Debatte versachlichen. Integrative Medizin würfelt nicht, wir agieren evidenzbasiert und die Menschen wünschen Therapievielfalt. Gerade Menschen, die chronische Erkrankungen haben, die vormals als austherapiert galten, für die sind Ansätze der Integrativen Medizin häufig der berühmte Gamechanger oder lindern großes Leid. Ich habe mich wahnsinnig geärgert über die polarisierte Debatte in der Landesärztekammer Baden-Württemberg zur Zusatzweiterbildung Homöopathie. Die Polarisierung wurde auch nicht aufgelöst, da stehen sich zwei Blöcke gegenüber. Stattdessen müssen der Nutzen der Komplementärmedizin sowie die Wünsche und Kenntnisstärke der Patientinnen und Patienten berücksichtigt werden. Man muss aus Betroffenen Beteiligte machen. Und wenn Sie heute die Wünsche nach Therapievielfalt sehen und auch wie sich die Leute informieren, haben diese häufig bessere Kenntnis vom Thema als Interessensgruppen berufsständischer Art. Deswegen kann ich Sie nur ermutigen, bleiben Sie in Ihrem breiten Dialog, sachlich und sachkundig. Polarisierung hat hier keine Zukunft.
wh: Ich greife das kurz auf: Das ist auch unser Eindruck, dass Menschen, die diese Medizin wählen, oft viel gesundheitskompetenter sind, als man das gemeinhin unterstellt. Wir haben den Eindruck, dass das durchaus ein Kostenfaktor im Gesundheitssystem sein könnte. Dass Integrative Medizin nicht ein Mehr an Behandlungsmaßnahmen bedeutet, sondern sogar eine rationalere Medizin sein könnte. Weil die Menschen eben immer schon sehr viel Kompetenz mitbringen. Die haben ihre eigenen Erfahrungen und möchten damit ernst genommen werden. Würden Sie das bestätigen?
ML: Ich kann das nur unterstreichen. Ich mache seit bald 35 Jahren Gesundheitspolitik, 15 Jahre davon im Landtag. Es ist tatsächlich so. Es ist kein Widerspruch. Das möchte ich noch mal sagen. Baden-Württemberg ist das Vorreiterland in der Personalisierten Medizin. Das ist kein Widerspruch zu den Chancen, die wir durch die Integrative Medizin haben. Prof. Holger Cramer und Prof. Nisar Peter Malek (forscht zur Personalisierten Medizin, A.d.R.) sind am selben Ort an der Universität Tübingen. Es geht mir hier um Gesundheitskompetenz und Patientenpfade. Ich bin für Versorgungssteuerung, aber von den Patient:innen her gedacht, nicht von berufsständischen oder ökonomisierten Lobbygruppen. Von dem her gedacht, was Menschen brauchen. Wenn wir das einpreisen, dann sind die Aufwendungen der Integrativen Medizin im ökonomischen Bestand sicher die geringeren. Da sind wir uns ganz sicher. Wichtig ist ein Bewusstsein für die therapeutischen, psychologischen und auch sozialräumlichen Aspekte. Integrative Medizin im besten Sinn ist eine sektorenübergreifende Versorgung, also nicht nur ambulant und stationär, sondern geht viel tiefer. Und da haben Sie eine gute Grundlage für die Debatte. Die Bundespolitik muss ein paar Hausaufgaben machen, wie zum Beispiel die gesetzlichen Krankenkassen von versicherungsfremden Leistungen, wie etwa beim Bürgergeld, zu befreien. Das ist Aufgabe des Staates, das muss man umorganisieren, um den Druck von den Kassen zu nehmen.
Wichtig ist eine konsequente Patientensteuerung aus der Perspektive der Behandlungspfade der einzelnen Menschen, die wir ja kennen. Es ist ein Drama: In der Forschung mit KI und Digitalisierung sind wir Weltklasse, in der Anwendung Kreisklasse. Auch das müssen wir verbessern. Auch das widerspricht sich nicht.
Zur Person: Manfred „Manne“ Lucha ist seit 2016 Minister für Soziales, Gesundheit und Integration des Landes Baden-Württemberg. Seit 2011 ist er Mitglied des Landtags und war von 2011 bis 2016 gesundheitspolitischer Sprecher der Fraktion GRÜNE.
Als Gesundheitsminister verantwortet er zentrale Bereiche der Landesgesundheitspolitik – von der Krankenhausversorgung über Prävention bis hin zur Weiterentwicklung von Versorgungsstrukturen.