19. Oktober 2023 - Einen Platz im Pflegeheim zu bekommen, ist in Zeiten des Fachkräftemangels schwierig geworden. Und wenn das Angebot knapp ist, müssen Pflegeheime zwangsläufig eine Auswahl treffen, wen sie aufnehmen. Dass diese Entscheidungen zunehmend zu Gunsten leichter Pflegefälle und zu Ungunsten schwer pflegebedürftiger Personen ausfallen, ist inzwischen leider vielerorts Realität. So räumte ein Sprecher des Stuttgarter Sozialministeriums gegenüber der Stuttgarter Zeitung ein, dass so etwas auch in Baden-Württemberg vorkommt. Eine Differenzierung nach Pflegebedürftigkeit sei zwar nicht zulässig, jedoch stünden Heime und ambulante Dienste vor einem Dilemma: „Höhere Pflegegrade brauchen mehr Personal. Steht dies nicht zur Verfügung, nimmt ein Heim nur Personen mit solchem Pflegebedarf auf, für deren Versorgung das Personal reicht“, sagte der nicht namentlich genannte Sprecher dem Blatt.

Kurz zuvor, am 20. Juni 2023, hatte das ARD Magazin Report Mainz über derartige Praktiken in Rheinland-Pfalz berichtet und den Begriff „Pflege-Triage“ in den Raum gestellt. Eine Pflegeheimleiterin etwa gesteht, dass sie nur Menschen mit maximal Pflegegrad 2 aufnimmt, „schwierige Bewohner oder Pflegegrad 4 momentan keine Aufnahme.“ Andernfalls kündige ihr das Personal. Und das ist ohnehin schon zu wenig. Aus diesem Grund sind in dem Heim an der Mosel derzeit 20 von 70 Pflegebetten gesperrt.

Blutige Entlassungen ohne jede pflegerische Versorgung

Ein Pflegestützpunkt aus Ludwigshafen sendet einen schriftlichen Hilferuf an die Politik, weil Menschen „blutig“ aus dem Krankenhaus entlassen werden – ohne jede pflegerische Versorgung, „Wir sprechen von Pflege-Triage, weil einfach die Dienste und Einrichtungen auswählen…da fallen Menschen mit schwerer Pflegebedürftigkeit immer häufiger durchs Raster", äußert sich eine der Beraterinnen und Unterzeichnerinnen des Hilferufs vor der Kamera.

Der zuständige Sozialminister in Rheinland-Pfalz Alexander Schweitzer nimmt das Problem sehr ernst, von einer Pflege-Triage mag er dennoch nicht sprechen. „Weil ich einfach nicht sehe, dass wir, mit Blick auf die tatsächliche Situation insgesamt schon in der Situation sind. Aber das Thema Fachkräfte drückt da natürlich und das Thema Fachkräfte ist der Grund, warum Pflegeeinrichtungen sagen, wir müssen schauen, wen wir aufnehmen können und können wir noch jemanden aufnehmen“, erklärte er gegenüber Report Mainz.

So wie der Kollege aus Baden-Württemberg will der SPD-Politiker das Problem mit einer Fachkräfteinitiative angehen und die Ausbildungskapazitäten hochfahren. Allerdings glaubt er nicht an eine kurzfristige Lösung. „Das ist eine Illusion zu glauben, man legt einen Schalter um, und alles wird gut.“

Rückstau bis in die Krankenhäuser

Wie sehr das Thema Fachkräfte in der Pflege „drückt“, bekommen auch die Krankenhäuser zu spüren. Die Pflege-Triage – oder wie immer man das „Auswahl“-Problem auch nennt – führt dort zu einem Stau, insbesondere von schwer pflegebedürftigen Patientinnen und Patienten. In Fachkreisen spricht man von „Langliegern“. Damit sind Patient:innen gemeint, die aufgrund ihres Gesundheitszustands schon längst hätten entlassen werden können, für die aber nicht rechtzeitig eine Anschlussversorgung gefunden werden kann, sei es zu Hause mit einem ambulanten Pflegedienst oder in einem Pflegeheim.

Wie aus einer nicht repräsentativen Umfrage von Report Mainz hervorgeht, kennen fast 90 Prozent von 330 befragten Krankenhäusern das Problem der Langlieger. Danach haben die knapp 300 Häuser in den vergangenen zwölf Monaten Patienten versorgt, die länger als zehn Tage über die medizinische Notwendigkeit hinaus in der Klinik blieben, weil die rechtzeitige Anschlussversorgung nicht gesichert war. Allein im Agaplesion Bethesda Krankenhaus in Hamburg-Bergedorf befanden sich zum Zeitpunkt der Dreharbeiten von Report Mainz 30 Patientinnen und Patienten auf der so genannten „Langliegerliste“.

Schlimm genug für die Betroffenen, die offenbar niemand haben will. Aber der Patientenstau hat noch eine andere Konsequenz: Die Betten fehlen für Notfälle. Und wenn es im Krankenhaus keine Betten gibt, dann bleiben Notaufnahmen vorübergehend geschlossen.

ham

Ein weiterer Artikel zum Thema Pflege: „Pflege fordert mehr als nur Applaus“.

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