Interview zur Wahl in Berlin:
Prof. Dr. Harald Matthes spricht über Integrative Medizin

 

Harald Matthes 2 Web

Berlin ist bei der Integrativen Medizin besser aufgestellt als die meisten Bundesländer: Die Charité hat einen eigenen Bereich für Integrative Medizin, das Immanuel-Krankenhaus steht für Naturheilkunde, das Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe für Anthroposophische Medizin. Zugleich hat das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz im Sommer 2026 die Erstattung anthroposophischer und homöopathischer Arzneimittel gestrichen. Vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus haben wir mit Prof. Dr. Harald Matthes gesprochen: darüber, was das Land Berlin trotz bundesrechtlicher Vorgaben tun kann, warum Prävention im deutschen Gesundheitssystem strukturell benachteiligt ist und was er sich von der nächsten Landesregierung wünscht.

 

Herr Professor Matthes, wenn Sie auf Berlin schauen: Wo steht die Integrative Medizin heute?

Bei der Medizin in Berlin müssen wir zwischen dem ambulanten und dem stationären Angebot unterscheiden. Stationär ist die Situation erfreulich: Nach dem Fall der Mauer und der Neuverteilung der Trägerschaften für Krankenhäuser war es der ausdrückliche Wunsch aller Parteien im Berliner Senat, dass in Berlin ein integratives Krankenhaus etabliert wird. Es gab dazu einen Beschluss des Abgeordnetenhauses, mit dem wir damals als anthroposophisches Krankenhaus in Havelhöhe als Träger eingeführt wurden. Seit über 30 Jahren bieten wir also anthroposophische Integrative Medizin in Berlin an, heute mit 430 Betten und zusätzlich einer Tagesklinik für Innere Medizin mit 24 Plätzen. Solche Angebote gehören in vielen Regionen Deutschlands nicht zur Versorgungsrealität.

Ambulant sieht es anders aus. Dort hatten wir einmal ein sehr breites Spektrum: von der Naturheilkunde über die Homöopathie, manuelle Verfahren, ayurvedische und chinesische Medizin bis zur Anthroposophischen Medizin. Dieses Spektrum ist in den letzten zehn Jahren enger geworden. Die Nachfrage ist nach wie vor hoch, aber die Vergütung im ambulanten Sektor ist für die Integrative Medizin schwierig, weil viele Verfahren nicht mehr zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung erbracht werden können.

Was Integrative Medizin in der Versorgung bedeutet

Was bedeutet dieser Ansatz konkret für Patientinnen und Patienten?

Kurz gesagt: Die konventionelle Medizin ist eher pathogenetisch orientiert. Sie fragt danach, warum jemand krank geworden ist und wie sich Krankheiten behandeln lassen, bei chronischen Erkrankungen meist symptomatisch. Die integrative oder komplementäre Medizin fragt primär: Wie kann ich gesund bleiben, wie kann ich meine eigene Gesundheit stärken? Deshalb ist in der Integrativen Medizin die Prävention immer mit angelegt.

Wir gehören zu den drei teuersten Gesundheitssystemen der Welt, und trotzdem ist die Krankheitslast in Deutschland eher hoch und die Lebenserwartung nicht besonders lang. Wir haben eine falsche Priorisierung: Für die Reparatur, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, wird viel Geld ausgegeben. Für die primäre und die sekundäre Prävention geben wir viel zu wenig aus. Deshalb kommen wir meistens zu spät.

Ein Beispiel: Bei einer koronaren Herzkrankheit machen natürlich auch wir einen Herzkatheter und machen die Herzkranzgefäße wieder frei. Wir wissen aber, dass wir mit der medikamentösen Therapie allein längst nicht so viel erreichen, wie wenn die Menschen ihren Lebensstil verändern: anders mit Stress umgehen, sich gesünder ernähren, sich mehr bewegen. Dazu gibt es sehr gute Studien, etwa von Dean Ornish, der gezeigt hat, dass die Lebensstilveränderung der medikamentösen Therapie deutlich überlegen ist. Wir sind trotzdem nach wie vor das Land mit den meisten Herzkathetern weltweit.

Deshalb ist die Integrative Medizin, wie es auch die WHO sagt, die Medizin der Zukunft. Wir müssen exzellent sein in Therapie und Intervention, und wir müssen zugleich die Verantwortung für die eigene Gesundheit bei den Patientinnen und Patienten stärker aktivieren. Genau das macht die Integrative Medizin: Sie erzählt den Menschen Prävention nicht nur, sie trainiert mit ihnen, wie es geht. Bei Adipositas, Diabetes und metabolischem Syndrom sehen wir bei solchen Programmen eine sehr hohe Wirksamkeit.

„Es ist einfacher, ein Rezept auszustellen“

Berlin steht mit Forschung, klinischer Erfahrung und entsprechenden Einrichtungen vergleichsweise gut da. Warum sind solche Versorgungsmodelle trotzdem kein selbstverständlicher Bestandteil unseres Gesundheitssystems?

Weil wir falsche Anreize haben. Im ambulanten Sektor wird die technische Leistung immer besser honoriert als die sprechende Medizin. Multimodale Therapien gibt es ambulant so gut wie nicht. Was bei uns im Krankenhaus selbstverständlich ist, dass wir beim chronischen Schmerz multimodal arbeiten, mit Entspannungsverfahren, Kunsttherapie und psychotherapeutischen Verfahren in einem gemeinsamen Setting, bekommen wir ambulant nicht finanziert. Und bei Adipositas, metabolischem Syndrom oder Diabetes, wo man tiefgreifende Lebensstilveränderungen herbeiführen muss, gibt es für ein multimodales Konzept ambulant keinerlei Finanzierung durch die Krankenkassen.

Es bedeutet aber auch eine Veränderung des Mindsets. Es ist einfacher, ein Medikament auf Rezept zu verschreiben, als Menschen zu aktivieren und zu motivieren, ihren Lebensstil zu verändern und einen Eigenbeitrag zur Gesunderhaltung zu leisten.

Zur GKV-Reform

Mit der jüngsten GKV-Reform haben sich die Rahmenbedingungen für Homöopathie und Anthroposophische Medizin deutlich verändert. Was bedeutet das für die integrative Versorgung?

Mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz haben wir eine tiefgreifende Veränderung, weil wir erstmals eine extrem ideologisch ausgerichtete Politik auch in der Umsetzung erleben. Homöopathie und Anthroposophische Medizin wurden pauschal als nicht evidenzbasiert eingestuft. Für die Anthroposophische Medizin liegen aber viele Studien vor.

Wenn man etwas als nicht evidenzbasiert ausschließt, obwohl Studien vorliegen, ist das das Gegenteil von Wissenschaft. Zur Wissenschaft gehören der Dialog und die Bewertung von Studien. Dass Medikamente pauschal ausgeschlossen werden, obwohl das Arzneimittelgesetz vorsieht, jedes Medikament einzeln auf Nutzen und Risiko zu beurteilen, zeigt eine Umkehrung: Früher hat die Medizin die Politik beraten. Mittlerweile bestimmt die Politik selbst, was evident ist und was nicht, ohne ein einziges Gutachten, ohne ein Fachgremium, das dies mit wissenschaftlichen Daten untermauert hätte.

Was werden Patientinnen und Patienten davon spüren?

Seit dem 30. Juli 2026 darf keines dieser Arzneimittel mehr zulasten der Krankenkassen verordnet werden. Für Satzungsleistungen und Verträge der besonderen Versorgung gilt eine Übergangsfrist bis zum Jahresende. Das ist deshalb höchst erstaunlich, weil zum Beispiel Mistelpräparate bei Krebserkrankungen in den Leitlinien als unterstützend für die Lebensqualität aufgeführt sind und nun trotzdem nicht mehr erstattet werden können.

Und es ist eine weitere Steigerung in eine Richtung, in der die technisierte Medizin als die erfolgversprechende gilt. Die Menschen wollen das Gegenteil: eine sprechende Medizin, in der sie gesehen werden. Die WHO sagt, wir müssen beides in einem Modell zusammenbringen, nämlich in der Integrativen Medizin.

Was Berlin tun kann

Viele Entscheidungen zur gesetzlichen Krankenversicherung fallen auf Bundesebene. Wo sehen Sie konkret Handlungsspielräume für die Berliner Landespolitik?

Ich hatte schon ausgeführt, dass die Integrative Medizin im ambulanten Sektor zurzeit so gut wie gar nicht finanziert ist. Wir haben aber mit § 140a SGB V durchaus Spielräume für sogenannte Erprobungsregelungen. Für anthroposophische und homöopathische Leistungen hat das neue Gesetz diesen Weg gerade geschlossen, für multimodale und integrative Versorgungskonzepte steht er weiter offen. Genau dort hätten die Krankenkassen auf lokaler Ebene einiges an Möglichkeiten.

Ein Beispiel ist „Hospital at Home“: Patientinnen und Patienten, die nicht zwingend im Krankenhaus behandelt werden müssen, werden zu Hause versorgt. Nicht der Patient kommt ins Krankenhaus, sondern das Krankenhaus kommt nach Hause. In der Schweiz und in anderen europäischen Ländern ist das sehr erfolgreich, gerade bei älteren Menschen, die ein Ortswechsel eher verwirrt.

Auch die tagesklinischen Angebote könnte man ausbauen. Und die psychosomatische Medizin ist ein Bereich mit extremer Nachfrage, gerade bei jungen Menschen. Hier sollte unbedingt nachgesteuert werden. Gerade dort lässt sich Geld sparen: Wenn bei jungen Erwachsenen Lebensstilveränderungen angestoßen werden, wenn sekundäre Prävention greift, auch bei Angst- und Depressionsstörungen, ist das längerfristig gut für das Gesundheitssystem und seine Kosten.

Ein Wunsch an die nächste Landesregierung

Wenn Sie der nächsten Berliner Landesregierung einen Wunsch mitgeben könnten, welcher wäre das?

Dass wir eine entideologisierte Diskussion über die Integrative Medizin führen. Mittlerweile wird sie in allen Parteien sehr heterogen diskutiert. Früher war bei den Grünen klar, dass Hilfe zur Selbsthilfe, Integrative Medizin und Naturheilkunde dazugehören. Heute hat sich in den Köpfen festgesetzt, das sei angeblich nicht evidenzbasiert, also nicht wissenschaftlich genug. Da merkt man, dass die Frage, was Wissenschaft eigentlich ist, bei einigen Politikerinnen und Politikern nicht sachgerecht angekommen ist. Wissenschaft heißt gerade, dass man anhand von Fakten diskutiert, und nicht, dass sich durchsetzt, wer lauter ist.

Problematisch finde ich zugleich, dass die Integrative Medizin an den politischen Rändern offensiv vereinnahmt wird. Das hilft uns nicht weiter, denn wir müssen in der Gesellschaft dialogfähig bleiben. Die Politik ist hier gefragt. Die Krankenkassen sehen die Vorteile der Integrativen Medizin durchaus, sie unterstützen uns auch, und entsprechende Projekte wären mit ihnen möglich.

 

Zur Person

Prof. Dr. med. Harald Matthes ist Internist und Gastroenterologe. Seit 1995 leitet er das anthroposophische Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin, wo er heute als Ärztlicher Leiter und Geschäftsführer tätig ist und unter anderem das Zentrum für Immuntherapien sowie die Tagesklinik für Innere Medizin verantwortet.

2010 habilitierte er sich an der Charité – Universitätsmedizin Berlin mit einer Arbeit zur Beurteilung von Arzneimittelsicherheit, -wirksamkeit und -nutzen in der konventionellen und komplementären Medizin (EvaMed). Seit 2017 hat er an der Charité die Stiftungsprofessur für Integrative und Anthroposophische Medizin inne. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Versorgungsforschung, der Arzneimittelsicherheit und der Misteltherapie in der Onkologie. Matthes ist zudem im Vorstand der Hufelandgesellschaft aktiv.