
Unser Wahlcheck zur Integrativen Medizin
Wie soll sich die Gesundheitsversorgung in Baden-Württemberg in den kommenden Jahren weiterentwickeln? Und welche Rolle soll Integrative Medizin dabei spielen?
Diese Fragen haben wir den im Landtag vertretenen Parteien im Rahmen unseres Wahlchecks gestellt – auf Grundlage unserer Bürgerumfrage.
Über 1.200 Menschen aus Baden-Württemberg haben sich daran beteiligt und ihre Erwartungen an die Gesundheitsversorgung der Zukunft formuliert. Die Ergebnisse zeigen ein klares Bild: Viele wünschen sich mehr Prävention, mehr Zeit für Gespräche und eine bessere Verbindung verschiedener medizinischer Ansätze.
Auf dieser Grundlage haben wir die Parteien gebeten, sich zu drei zentralen Punkten zu positionieren:
- flächendeckende Verfügbarkeit integrativer Leistungen in Kliniken
- Verstetigung von Forschung und Lehre
- Förderung interprofessioneller Team-Versorgung
Außerdem wollten wir wissen, welche konkreten politischen Maßnahmen die Parteien in der kommenden Legislaturperiode ergreifen wollen.
Die ersten Stellungnahmen der Parteien liegen inzwischen vor.
Wir veröffentlichen sie hier vollständig und unverändert, damit Sie sich selbst ein Bild machen können. Weitere Antworten stehen noch aus. Sobald neue Stellungnahmen eingehen, wird diese Seite aktualisiert. Die Reihenfolge der Auflistung richtet sich nach Eingangsdatum.
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Eingegangene Stellungnahmen der Parteien in Baden-Württemberg
Antwort der FDP:
Die Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung in Baden-Württemberg wollen wir mit einer Offenheit für Therapieformen und komplementäre Ansätze angehen. Wir sehen die Versorgung der Zukunft interdisziplinär und sektorenübergreifend in innovativen Versorgungsangeboten.
Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker bieten seit Jahrhunderten den Bürgerinnen und Bürgern im Land alternative und komplementäre Behandlungsmethoden an. Die Naturheilkunde setzt auf ein Bündel von Maßnahmen, wie pflanzliche Präparate (Phytotherapie), Akupunktur, Homöopathie und weitere Methoden, die sich durch Erfahrungen bewährt haben. Die liberale Bürgergesellschaft lebt vom mündigen Bürger. Gerade wenn es um die eigene Gesundheit geht, müssen die Bürgerinnen und Bürger in die Lage versetzt werden, selbstverantwortliche, gesundheitsbewusste Entscheidungen über die Art und den Umfang von diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen zu fällen. Dies erfordert Wettbewerb. Die Freien Demokraten treten seit jeher für Wettbewerb und Auswahlsouveränität ein. Auch unter Zugrundelegung dieses Prinzips ist es folgerichtig, dass wir auch in Zukunft die Leistungen von Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker ermöglichen wollen. Wir haben in unserem Landtagswahlprogramm festgehalten: „Die freie Therapiewahl ist uns im Sinne der Patientensouveränität wichtig. Dazu gehören für uns auch Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker.“
Weiter hat die FDP-Landtagsfraktion ein prägnantes Positionspapier „Homöopathie und zur Rolle komplementärer Heilverfahren“ erarbeitet, das über diesen Link einsehbar ist: Positionspapier FDP
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Antwort der SPD:
Integrative Medizin spielt in Baden-Württemberg eine große Rolle – sowohl in der Wissenschaft als auch in der Versorgungspraxis. Viele Ärztinnen und Ärzte sowie andere Berufsgruppen in Medizin und Pflege beziehen wissenschaftlich anerkannte Behandlungsmethoden in ihr Angebot mit ein. Allein unter dem Dach der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg verfügen zum Beispiel 945 Kassenärzt:innen über die Zusatzbezeichnung Naturheilverfahren oder 845 über die Zusatzbezeichnung Akupunktur. Auch unter den Kliniken einschließlich der Universitätsmedizin wächst das Angebot für Integrative Medizin. Wir unterstützen diese Vielfalt ausdrücklich und setzen uns – insbesondere im Rahmen einer verbesserten Krankenhausplanung – für ausreichende Weiterbildungsplätze ein.
Baden-Württemberg hat bereits 2018 eine Professur für Naturheilkunde und Integrative Medizin an der Universität Tübingen mit dem Sitz am Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus eingerichtet. Dort soll insbesondere wissenschaftlich geprüft werden, ob diese Methoden tatsächlich die erwartete Wirkung zeigen, ob sie sicher angewandt werden können und ob sie ökonomisch sind. Auch andere Universitätskliniken sowie das Klinikum Stuttgart bieten (ergänzende) Integrative Medizin insbesondere in der Onkologie an und forschen dazu. Das Kompetenznetz Integrative Medizin evaluiert gemeinsam angebotene integrative Behandlungskonzepte. Diese Strukturen wollen wir weiter ausbauen.
Der interprofessionelle Ansatz spielt in der Integrativen Medizin eine herausgehobene Rolle. Ärzt:innen, Therapeut:innen, Pflegekräfte, Hebammen, Ernährungswissenschaftler:innen sowie Sport- und Bewegungswissenschaftler:innen tragen gemeinsam zum Behandlungserfolg bei. Auch mit veränderten Berufsqualifikationen – darunter mehr akademische Ausbildungen in der Pflege und bei den Therapieberufen – wollen
wir eine bessere Zusammenarbeit auf Augenhöhe herstellen. Das Wissen über die Wirksamkeit von Komplementärmedizin, aber auch über ihre Grenzen, gehört für uns in allen Berufen zu den Ausbildungsinhalten.
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Antwort von Bündnis 90/DIE GRÜNEN:
Wir GRÜNE sehen die Integrative Medizin als eine wichtige Säule einer bedarfsgerechten Gesundheitsversorgung an. Baden-Württemberg hat bereits heute eine bundesweit einzigartige Infrastruktur für Integrative Medizin aufgebaut - mit dem Kompetenznetz Integrative Medizin Baden-Württemberg, einem Lehrstuhl an der Universität Tübingen, der Initiative KIG BaWü, dem Akademischen Zentrum für Komplementäre & Integrative Medizin sowie der Einbindung in den Gesundheitsstandort Baden-Württemberg.
Hierfür haben wir GRÜNE uns in den letzten Jahren eingesetzt und Landesgelder zur Verfügung gestellt. Wir haben damit Forschung, Wissenstransfer und innovative Versorgungsstrukturen gefördert. Wir stärken für die Bürgerinnen und Bürger in Baden-Württemberg komplementäre Versorgungsangebote – für mehr Gesundheit, mehr Lebensqualität und einen bewussteren Umgang mit Erkrankungen.
Gerade bei der Präventionspolitik müssen wir deutlich besser werden. Gesundheitsprävention steckt in Deutschland noch in einer kleinteiligen „Projektitis“ – dabei sollte der präventive Charakter in der Gesundheitspolitik neben dem kurativen Ansatz deutlich gestärkt werden. Gute Gesundheitsprävention verringert Leid, steigert Lebensqualität, stärkt die Gesundheit und entlastet das Gesundheitssystem.
Einen besonderen Fokus legt die Integrative Medizin auf Prävention und Selbstfürsorge der Patientinnen und Patienten. Wir setzen uns deshalb für einen barrierefreien Zugang zu einer qualitätsgesicherten integrativen Medizin für alle ein. Hierbei gilt es auch stetig zu prüfen, wie Weiterbildungsmöglichkeiten und Curricula angepasst werden können, damit Wissen auf dem neuesten Stand der Integrativen Medizin in der Breite der Versorgungslandschaft verankert werden kann.
Forschung ist ein weiterer wichtiger Aspekt. Evidenzbasierte wissenschaftliche Forschung ist enorm wichtig für die Versorgungsqualität, aber auch für die Akzeptanz der Angebote. Baden-Württemberg nimmt hier bereits eine Vorreiterrolle ein, an die in den kommenden Jahren angeknüpft werden sollte.
2022 wurde Prof. Dr. Holger Cramer für die Erforschung komplementärmedizinischer Verfahren am Institut für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung der Medizinischen Fakultät der Universität Tübingen berufen. Es handelt sich dabei um die erste rein wissenschaftliche Professur im Bereich der Komplementärmedizin an einer deutschen staatlichen Universität. Gemeinsam mit seinem Team forscht Prof. Cramer zur Wirksamkeit und Sicherheit komplementärmedizinischer Verfahren.
Des Weiteren haben wir im Rahmen der Landesmöglichkeiten beispielsweise das Projekt „Forschungs- und Praxisinitiative: Komplementäre und Integrative Gesundheitsversorgung für Baden-Württemberg (KIG BaWü)“ gefördert. Das Projekt verfolgte das Ziel, in konkreten Forschungsprojekten exemplarisch die funktionellen Effekte und Wirkungsmechanismen von pflanzlichen Wirkstoffen, Nahrungsergänzungsmitteln, veganer Ernährung, Akupunktur und Entspannungsverfahren zu erforschen.
Gefördert wurde darüber hinaus das Kompetenznetz Integrative Medizin in einem Projekt des Universitätsklinikums Heidelberg mit Mitteln aus dem Forum Gesundheitsstandort Baden-Württemberg. Hier wurden auf den Gebieten sekundäre Pflanzenstoffe oder Ernährung wichtige Erkenntnisse gewonnen und qualitätsgesicherte sowie praxisnahe Empfehlungen für eine integrativmedizinische Behandlung entwickelt.
Auch wollen wir Gesundheitsprävention und Gesundheitsförderung in der kommenden Legislatur stärker in den Mittelpunkt stellen. Beispielsweise erarbeitet Baden-Württemberg derzeit als erstes Bundesland eine sogenannte Health-in-all-Policies-Strategie, die Gesundheit in allen Lebensbereichen mitdenken soll. Dabei gilt es natürlich auch zu prüfen, welchen wertvollen Beitrag die Integrative Medizin leisten kann.
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Antwort der CDU:
Wir setzen uns dafür ein, dass Patientinnen und Patienten in Baden-Württemberg überall dort Zugang zu integrativen medizinischen Angeboten erhalten, wo diese nachweislich wirksam sind und die medizinische Versorgung sinnvoll ergänzen. Viele Kliniken – besonders in der Onkologie, Palliativmedizin und Rehabilitation – haben bereits entsprechende Strukturen etabliert, die von Betroffenen als hilfreich erlebt werden. Unser Ziel ist es, diese positiven Erfahrungen aufzugreifen, erfolgreiche Modelle zu evaluieren und qualitätsgesicherte integrative Leistungen flächendeckend verfügbar zu machen, ohne dabei den Anspruch an wissenschaftliche Evidenz und Patientensicherheit zu relativieren.
Damit integrative Medizin langfristig einen Beitrag zu einer modernen und patientenzentrierten Versorgung leisten kann, braucht es stabile Strukturen in Forschung und Lehre. Wir setzen uns für den gezielten Ausbau universitärer Forschungsvorhaben, die Einrichtung verlässlicher Kooperationsstrukturen sowie die Stärkung der Versorgungs-, Wirkungs- und Grundlagenforschung ein. Ebenso wichtig ist die Integration integrativer Themen in Curricula der medizinischen und therapeutischen Ausbildung – immer mit dem Anspruch, dass wissenschaftliche Erkenntnisse die Grundlage ärztlichen und therapeutischen Handelns bilden. Nur durch kontinuierliche Forschung kann eine belastbare Evidenzbasis entstehen, die Innovation ermöglicht und gleichzeitig Klarheit über Nutzen und Grenzen der Verfahren schafft.
Ärztliche, pflegerische und therapeutische Expertisen müssen dort Hand in Hand gehen, wo sie gemeinsam einen erkennbaren Mehrwert für Patientinnen und Patienten schaffen können. Voraussetzung dafür sind transparente Kompetenzprofile, qualifizierte Weiterbildungen und klar geregelte Verantwortlichkeiten, um sowohl die Qualität der Versorgung als auch die Attraktivität der Berufsbilder zu stärken.
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Auch Bürgerinnen und Bürger haben nachgefragt
neben diesem systematischen Wahlcheck haben sich auch viele Menschen aus Baden-Württemberg an unserer Aktion "Schreibe den Kandidierenden" beteiligt und direkt Politikerinnen und Politiker ihrer Wahl angesprochen. Alle Fragen und Antworten sowie weitere politische Statements im Rahmen unserer Kampagne dokumentieren wir hier.