Expertin im Interview: Forschung trifft Integrative Medizin


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Wie lässt sich der Wunsch vieler Patientinnen und Patienten nach ganzheitlicher Behandlung mit den Anforderungen moderner, evidenzbasierter Medizin verbinden?

Prof. Dr. Yvonne Samstag schlägt mit ihrer Arbeit genau diese Brücke. Als Universitätsprofessorin für Zelluläre Immunologie am Universitätsklinikum Heidelberg und wissenschaftliche Sprecherin des Akademischen Zentrums für Komplementäre und Integrative Medizin (AZKIM)  erforscht sie die biologischen Wirkmechanismen integrativer Verfahren – von Akupunktur über Mind-Body-Medizin bis hin zu pflanzlichen Arzneimitteln. 

Im Interview erläutert sie,

  • welche Evidenz heute bereits vorliegt,
  • warum Forschung zu molekularen Wirkmechanismen entscheidend ist,
  • wie Sicherheit und Qualität im Zusammenspiel mit konventioneller Medizin gewährleistet werden können
  • und warum Baden-Württemberg hier bundesweit eine besondere Rolle einnimmt.

Ihr zentrales Anliegen: Integrative Medizin wissenschaftlich fundiert weiterentwickeln – und damit Orientierung für Patientinnen, Patienten und Fachpersonal schaffen.

 

weil's hilft!: Warum interessieren Sie sich als wissenschaftlich orientierte Ärztin für Integrative Medizin?
Yvonne Samstag: Wünschen Sie sich auch eine Medizin, die Körper, Geist und Lebensweise als Einheit betrachtet?
Viele Menschen tun das. Aus Sicht der konventionellen Medizin fehlen jedoch häufig noch ausreichend wissenschaftlich fundierte Belege für die Wirksamkeit integrativer Behandlungsansätze. Genau hier möchte ich mich mit meiner wissenschaftlichen Expertise einbringen.

wh: Gibt es heute solche Belege?
YS: Ja. Für Akupunktur, Mind-Body-Medizin und bestimmte pflanzliche Arzneimittel liegt bereits gute Evidenz aus klinischen Studien und Metaanalysen vor. Im AZKIM (Akademisches Zentrum für Komplementäre und Integrative Medizin) erforschen wir an den Universitätskliniken Baden-Württembergs darüber hinaus systematisch die biologischen Wirkmechanismen integrativer Verfahren. Wir untersuchen beispielsweise, wie Akupunktur oder pflanzliche Wirkstoffe auf das Immunsystem wirken.

So konnten wir zeigen, dass Arnika- und Kamillenextrakte gezielt entzündungsrelevante Signalkaskaden modulieren und dadurch Entzündungsprozesse. Chronische Entzündungen gelten als zentrale Grundlage vieler Zivilisationserkrankungen – etwa Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder neurodegenerativer Erkrankungen. Hier liegt ein erhebliches präventives und gesundheitsökonomisches Potenzial.

whWarum ist diese Forschung Zitat Samstag 2so wichtig?
YS: Viele Patientinnen und Patienten nutzen komplementäre oder naturheilkundliche Verfahren – häufig ohne Rücksprache mit ihren behandelnden Ärztinnen und Ärzten. Nicht selten aus Sorge, auf Skepsis oder Ablehnung zu stoßen. Das führt zu Unsicherheit und manchmal auch zu Risiken durch unvorhergesehene Wechselwirkungen therapeutischer Maßnahmen.

Unsere Forschung schafft hier eine Brücke: Sie stärkt die wissenschaftliche Grundlage und fördert einen sachlichen, respektvollen Dialog zwischen konventioneller und komplementärer Medizin.

 

wh: Was ist der konkrete Nutzen?
YS: Wir schaffen Sicherheit. Wir analysieren, wie komplementäre Methoden auf molekularer Ebene wirken und wie sie sinnvoll sowie sicher mit konventionellen Therapien kombiniert werden können. Auf dieser Basis entwickeln wir moderne integrative Behandlungskonzepte und verankern diese in der strukturierten Aus- und Weiterbildung von Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften.

Das AZKIM bietet damit wissenschaftlich fundierte Orientierung für Patientinnen, Patienten und Fachpersonal. Mit der Anschubfinanzierung des Landes Baden-Württemberg konnte diese bundesweit einzigartige Forschungs- und Vernetzungsstruktur aufgebaut werden. Nun gilt es, sie nachhaltig zu etablieren und strategisch weiterzuentwickeln.

YS: Lassen Sie uns gemeinsam das Beste aus zwei Welten verbinden – für eine Medizin, die wissenschaftlich fundiert und zugleich menschlich ist.

 

Zur Person:

Prof. Dr. Yvonne Samstag ist Universitätsprofessorin für Zelluläre Immunologie am Universitätsklinikum Heidelberg und leitet dort die Sektion Molekulare Immunologie. Als Gründungsmitglied und Sprecherin der „Forschungs- und Praxisinitiative: Komplementäre & Integrative Gesundheitsversorgung Baden-Württemberg“ (KIG BaWü) sowie des „Akademischen Zentrums für Komplementäre und Integrative Medizin“ (AZKIM) – beide vom Land Baden-Württemberg gefördert – trägt sie maßgeblich zur wissenschaftlichen Weiterentwicklung und strukturellen Verankerung Integrativer Medizin in Forschung und Versorgung bei.