Die Diagnose steht, die Medikamente sind eingestellt, die Werte werden besser. Und trotzdem bleiben Fragen: Was tun gegen die Erschöpfung? Was hilft gegen die Nebenwirkungen? Und was können Sie selbst zur Genesung beitragen? 

Für vieles davon gibt es gute Antworten. Sie gehören nur längst nicht überall selbstverständlich zur Behandlung dazu. Genau hier setzt Integrative Medizin an. Sie fragt nicht nur: Was fehlt Ihnen? Sondern auch: Was brauchen Sie, um gesund zu werden oder gut mit einer Erkrankung zu leben? 

Das Beste aus beiden Welten 

Integrative Medizin verbindet die moderne Schulmedizin mit gut begründeten Verfahren der Naturmedizin und anderer Therapierichtungen. Die Betonung liegt auf verbinden: Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch. 

Ein Beispiel: Eine Frau mit Brustkrebs erhält Operation, Chemotherapie und Bestrahlung nach aktuellem medizinischem Standard. Ergänzend bekommt sie naturheilkundliche Unterstützung gegen Übelkeit und Erschöpfung, ein angeleitetes Bewegungsprogramm, Beratung zur Ernährung und lernt Entspannungsübungen für die Zeit der Ungewissheit. Alles wird im Behandlungsteam abgestimmt, damit sich nichts in die Quere kommt. 

 Drei Begriffe werden oft verwechselt, deshalb kurz zur Einordnung: 

  • Alternativmedizin steht anstelle der Schulmedizin. Das lehnen wir bei ernsten Erkrankungen ab. 
  • Komplementärmedizin steht ergänzend neben der Schulmedizin. 
  • Integrative Medizin führt beides zu einem gemeinsamen Behandlungskonzept zusammen, abgestimmt, begleitet und so weit wie möglich wissenschaftlich begründet.

Was macht Integrative Medizin aus? 

Der Mensch steht im Mittelpunkt, nicht nur die Diagnose. Ihre Lebenssituation, Ihre Sorgen und Ihre Wünsche gehören zur Behandlung dazu. 

Wissenschaft als Grundlage. Integrative Medizin wählt ergänzende Verfahren danach aus, was nachweislich hilft oder zumindest gut begründet und sicher ist. Wo Wissen fehlt, setzt sie auf Forschung. 

Selbst aktiv werden. Bewegung, Ernährung, Entspannung, ein guter Rhythmus im Alltag: Vieles können Sie selbst beitragen. Das stärkt nicht nur den Körper, sondern auch das Gefühl, der eigenen Erkrankung nicht ausgeliefert zu sein. 

Zeit und Beziehung. Ein gutes Gespräch ist selbst ein Teil der Therapie. Integrative Medizin nimmt die Beziehung zwischen Ihnen und Ihren Behandler:innen ernst. 

Wo gibt es Integrative Medizin? 

Integrative Medizin ist längst in der Universitätsmedizin angekommen. In Baden-Württemberg arbeiten die Unikliniken Freiburg, Heidelberg, Tübingen und Ulm im Akademischen Zentrum für Komplementäre und Integrative Medizin (AZKIM) zusammen, an weiteren Standorten gibt es Klinikabteilungen und Institute für Naturheilkunde und Integrative Medizin. Besonders in der Krebsmedizin gibt es inzwischen eigene Leitlinien, die ergänzende Verfahren systematisch bewerten und einige davon ausdrücklich empfehlen. 

Im Alltag begegnet Ihnen Integrative Medizin aber meist außerhalb der Universitäten: 

  • In Haus- und Facharztpraxen. Viele Ärztinnen und Ärzte haben Zusatzqualifikationen in Naturheilverfahren oder Akupunktur und verbinden beides im ganz normalen Praxisalltag. 
  • In Therapeutika und integrativen Gesundheitszentren. Hier arbeiten Ärzt:innen, Therapeut:innen, Pflegekräfte und Hebammen unter einem Dach und stimmen sich direkt miteinander ab. Für Patient:innen heißt das: nicht von Tür zu Tür laufen, sondern ein Team, das miteinander spricht. 
  • In Krankenhäusern mit integrativem Schwerpunkt, zum Beispiel am Klinikum Heidenheim mit seiner eigenen Klinik für Integrative Medizin. 
  • In gemeinsamen Projekten vor Ort. Im Integrativen Haus der Gesundheit in Heidenheim etwa kommen medizinische Angebote, Beratung, Prävention und Begegnung an einem Ort zusammen, offen für alle Generationen. Solche Häuser zeigen, wie Gesundheitsversorgung im Quartier aussehen kann. 
  • In Reha-Kliniken und Kurorten. Die klassischen Naturheilverfahren gehören dort seit Langem zum festen Programm, etwa in den zertifizierten Kneipp-Kurbetrieben.

Anthroposophische Medizin 

Eine eigene Richtung innerhalb der Integrativen Medizin ist die Anthroposophische Medizin. Sie wird von Ärzt:innen mit regulärer schulmedizinischer Ausbildung ausgeübt und um eigene Arzneimittel, künstlerische Therapien und Heileurythmie erweitert. In Deutschland arbeiten mehrere Krankenhäuser nach diesem Konzept, dazu zahlreiche ambulante Therapeutika. Gut untersucht ist vor allem die Misteltherapie in der Krebsbehandlung, die auch in den onkologischen Leitlinien bewertet wird. Mehr dazu auf anthroposophische-medizin.de. 

International verfolgt auch die Weltgesundheitsorganisation das Ziel, traditionelle und ergänzende Medizin sicher und wirksam in die Gesundheitsversorgung einzubinden. 

Was bedeutet das für Sie? 

Wenn Sie Integrative Medizin für sich nutzen möchten, sind ein paar Dinge hilfreich: 

  • Sprechen Sie offen mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt über alles, was Sie ergänzend anwenden, auch über Tees, Nahrungsergänzungsmittel oder pflanzliche Präparate. So lassen sich Wechselwirkungen vermeiden. 
  • Fragen Sie nach, ob es in Ihrer Nähe Kliniken oder Praxen mit integrativem Angebot gibt. 
  • Achten Sie auf Qualifikation: Seriöse Angebote erkennen Sie an nachvollziehbarer Ausbildung und ehrlichen Aussagen zu Möglichkeiten und Grenzen. 

Welche Verfahren dabei infrage kommen und was „anerkannt“ im Einzelnen bedeutet, erklären wir auf der Seite Was ist Naturmedizin?. 

Warum wir uns dafür einsetzen 

Viele Menschen in Deutschland nutzen Naturmedizin, oft ohne mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin darüber zu sprechen, und oft auf eigene Kosten. Wir wünschen uns ein Gesundheitswesen, in dem beides selbstverständlich zusammenfindet: mit guter Forschung, gut ausgebildeten Behandelnden und offenen Gesprächen auf Augenhöhe.