Ein Kamillenwickel bei Bauchschmerzen, Johanniskraut gegen eine Verstimmung, Bewegung gegen den Rückenschmerz, der seit Monaten nicht weggeht: Vieles, was unter „Naturmedizin“ läuft, ist längst Teil ganz normaler Behandlung.
„Naturmedizin" ist allerdings kein feststehender Begriff. Es gibt keine Behörde und keine Fachgesellschaft, die verbindlich festlegt, was dazugehört und was nicht. Gemeint ist ein Sammelbegriff für sehr Unterschiedliches: für Verfahren, die an Universitätskliniken erforscht werden, in medizinischen Leitlinien stehen und von den Krankenkassen bezahlt werden. Und für Methoden, über die auch Fachleute heftig streiten. Wer „Naturmedizin" sagt, meint deshalb nicht immer dasselbe. Für Sie als Patientin oder Patient ist genau das die Schwierigkeit. Wir sagen hier deshalb zuerst, was wir mit dem Begriff meinen, und ordnen dann ein, wie gut die einzelnen Verfahren belegt sind.
Was meinen wir mit Naturmedizin?
Wenn wir von Naturmedizin sprechen, meinen wir Verfahren, die mit Mitteln und Reizen aus der Natur arbeiten, um den Körper darin zu unterstützen, wieder ins Gleichgewicht zu finden: Wasser, Wärme und Kälte, Bewegung, Ernährung, Heilpflanzen, Licht und Ruhe. Dahinter steht ein Gedanke, den viele Patient:innen aus eigener Erfahrung kennen: Der Körper hat Kräfte, sich selbst zu regulieren und zu erholen, und diese Kräfte lassen sich gezielt stärken.
Im engeren Sinne spricht man von Naturheilverfahren. Dazu zählen vor allem die fünf Bereiche, die Sebastian Kneipp bekannt gemacht hat: Wasseranwendungen, Bewegung, Ernährung, Heilpflanzen und eine ausgewogene Lebensordnung. Wir fassen den Begriff weiter und rechnen auch gewachsene Medizinsysteme wie die Traditionelle Chinesische Medizin oder Ayurveda dazu sowie die sogenannten besonderen Therapierichtungen. Letzteres ist übrigens ein Begriff aus dem Arzneimittelrecht: Er umfasst die Anthroposophische Medizin, die Pflanzenheilkunde und die Homöopathie.
Wichtig ist uns: Naturmedizin ist in aller Regel keine Alternative zur ärztlichen Diagnose und Behandlung, sondern eine Ergänzung. Wie beides gut zusammenwirkt, erfahren Sie in unserem Beitrag Was ist Integrative Medizin?.
Was heißt eigentlich „anerkannt“?
Oft ist von „anerkannten Naturheilverfahren“ die Rede. Doch eine einzige Stelle, die über Anerkennung entscheidet, gibt es nicht. Es lohnt sich, genauer hinzusehen, denn „anerkannt“ kann Verschiedenes bedeuten:
- In der ärztlichen Weiterbildung verankert: Ärzt:innen können Zusatzqualifikationen erwerben, etwa „Naturheilverfahren“ oder „Akupunktur“. Das bedeutet: Die Ärztekammern halten diese Verfahren für so bedeutsam, dass sie eine geregelte Ausbildung dafür vorsehen.
- Von der Krankenkasse bezahlt: Manche Verfahren sind feste Kassenleistung, zum Beispiel bestimmte Anwendungen der physikalischen Therapie oder Akupunktur bei chronischen Rücken- und Knieschmerzen.
- In medizinischen Leitlinien empfohlen: Fachgesellschaften fassen in Leitlinien zusammen, was nach aktuellem Wissen hilft. Einige naturheilkundliche Verfahren werden dort ausdrücklich empfohlen, etwa in der Krebsmedizin.
- Im Arzneimittelrecht geregelt: Pflanzliche Arzneimittel werden in Deutschland zugelassen. Viele müssen dafür wie andere Medikamente Wirksamkeit, Unbedenklichkeit und Qualität nachweisen. Andere sind als „traditionelle“ Arzneimittel registriert, ihre Anwendung stützt sich dann auf langjährige Erfahrung.
Diese Ebenen decken sich nicht immer. Ein Verfahren kann rechtlich geregelt, aber wissenschaftlich umstritten sein. Umgekehrt ist manches gut erforscht, wird aber trotzdem nicht bezahlt.
Ein Überblick: Verfahren der Naturmedizin
Gut erforscht und fest im Gesundheitssystem verankert
- Wasser-, Wärme- und Kälteanwendungen (Hydro- und Thermotherapie): Güsse, Bäder, Wickel, Sauna. Sie regen Kreislauf und Durchblutung an und werden in der Reha und als Kassenleistung eingesetzt.
- Bewegungstherapie: Kaum etwas ist so gut untersucht wie die Wirkung von Bewegung, bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Rückenschmerzen, Depressionen und in der Krebsnachsorge.
- Ernährungstherapie und Heilfasten: gezielte Ernährungsumstellungen, etwa bei Bluthochdruck, Diabetes oder Rheuma, heute auch Gegenstand universitärer Forschung.
- Pflanzenheilkunde (Phytotherapie): zum Beispiel Johanniskraut bei leichten bis mittelschweren Depressionen oder Pfefferminzöl bei Reizdarm. Auch pflanzliche Mittel können Nebenwirkungen und Wechselwirkungen haben, deshalb gehören sie ins Gespräch mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Apotheker.
- Ordnungstherapie und Mind-Body-Verfahren: Rhythmus im Alltag, Entspannung, Achtsamkeit, Yoga, Tai-Chi und Qigong. Viele Krankenkassen bezuschussen entsprechende Kurse.
- Akupunktur: bei chronischen Rückenschmerzen und Kniearthrose Kassenleistung.
Teilweise etabliert, weiter in der Erforschung
- Anthroposophische Medizin: Sie erweitert die Schulmedizin um Arzneimittel, künstlerische Therapien und Heileurythmie. Es gibt in Deutschland mehrere anthroposophische Krankenhäuser. Besonders gut untersucht ist die Misteltherapie bei Krebs, vor allem mit Blick auf die Lebensqualität. Seit dem GKV-Spargesetz 2026 übernehmen die Krankenkassen anthroposophische Arzneimittel ambulant grundsätzlich nicht mehr. >> Mehr dazu
- Traditionelle Chinesische Medizin: Neben der Akupunktur gehören Arzneipflanzen, Qigong und Ernährungslehre dazu. Die Studienlage ist je nach Anwendung sehr unterschiedlich.
- Ayurveda: das traditionelle Medizinsystem Indiens. Einzelne Mittel wie Weihrauch werden wissenschaftlich untersucht, vieles ist noch wenig erforscht.
Und die Homöopathie?
Kaum eine Therapierichtung wird so kontrovers diskutiert. Viele Menschen nutzen homöopathische Arzneimittel und berichten von guten Erfahrungen. Zugleich streiten Fachleute seit Jahren darüber, wie die vorliegenden Studien zu bewerten sind. Dieser Streit ist offener, als es in der öffentlichen Debatte oft klingt.
Was wir wissen: Zur Homöopathie gibt es viele klinische Studien und mehrere Übersichtsarbeiten, die zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Der Zusammenschluss der europäischen Wissenschaftsakademien (EASAC) sieht bislang keinen verlässlichen Nachweis einer Wirkung über den Placeboeffekt hinaus. Eine 2023 in der Fachzeitschrift Systematic Reviews veröffentlichte Arbeit kommt zu einem anderen Schluss: Sie hat die vorliegenden Meta-Analysen ausgewertet und fand darin deutliche Effekte zugunsten der Homöopathie, besonders bei der individuell verordneten Behandlung. Beendet ist die Kontroverse damit nicht. Zu einem ehrlichen Bild gehören aber beide Befunde.
Was diskutiert wird: Unterschiedliche Bewertungen entstehen nicht nur durch unterschiedliche Studienergebnisse. Eine Rolle spielen auch Auswahlkriterien für Studien, Anforderungen an Studiengröße und -qualität sowie die Frage, wie individualisierte Behandlungen überhaupt angemessen bewertet werden können. Wie geht man beispielsweise damit um, dass eine homöopathische Behandlung mehr ist als die Gabe eines Mittels, nämlich auch ein ausführliches Gespräch und eine individuell getroffene Auswahl? Zur wissenschaftlichen Debatte gehört deshalb auch die Frage, wie Evidenz bewertet wird und wer an solchen Bewertungsprozessen beteiligt ist. Die Folgen für Patientinnen und Patienten sind weitreichend, deshalb halten wir es für wichtig, dass die Bewertungskriterien offenliegen und dass an solchen Verfahren auch die Fachrichtungen beteiligt sind, um die es geht.
Unsere Haltung: Wissenschaftliche Streitfragen sollten wissenschaftlich geklärt werden. Unterschiedliche Ergebnisse sind kein Grund, die Forschung für beendet zu erklären, sondern – im Gegenteil – genauer hinzusehen. Wir setzen uns für unabhängige, methodisch gute Forschung und nachvollziehbare Bewertungsverfahren ein, und dafür, dass Menschen selbst entscheiden können, welche Therapien sie ergänzend nutzen. Klar ist ist auch: Bei ernsten Erkrankungen darf Homöopathie eine notwendige konventionelle Behandlung nicht ersetzen.
Woran Sie seriöse Angebote erkennen
Leider gibt es in der Naturmedizin auch Angebote, die mehr versprechen, als sie halten können. Ein paar Anhaltspunkte helfen bei der Orientierung:
- Die Therapeutin oder der Therapeut hat eine nachvollziehbare Ausbildung, idealerweise eine ärztliche Zusatzqualifikation oder eine anerkannte Berufsausbildung.
- Niemand verspricht Ihnen Heilung, schon gar nicht bei schweren Erkrankungen.
- Niemand rät Ihnen, eine notwendige schulmedizinische Behandlung abzubrechen.
- Kosten und Behandlungsdauer werden vorher offen besprochen.
- Ihre behandelnden Ärzt:innen dürfen und sollen Bescheid wissen.
Naturmedizin lebt vom Vertrauen. Dieses Vertrauen verdient sie dort, wo sie ehrlich mit ihren Möglichkeiten und Grenzen umgeht.