Therapeutische Vielfalt sichern – Bürger:innen und Patient:innen stärken
Die Empfehlungen der Finanzkommission Gesundheit vom 30. März 2026 greifen tief in die zukünftige Ausrichtung unseres Gesundheitssystems ein. Unter dem Leitbegriff der Beitragssatzstabilität droht eine Entwicklung, die Wahlfreiheit einschränkt, Versorgungsrealitäten verkürzt abbildet und patientenorientierte Ansätze schwächt.
Therapeutische Vielfalt steht zur Disposition
Die geplante Streichung bewährter, kassenindividueller Versorgungsangebote (Satzungsleistungen) aus der Integrativen Medizin ist weit mehr als eine fiskalische Einzelmaßnahme – sie steht exemplarisch für eine grundlegende Verschiebung:
Welche Formen von Medizin werden künftig anerkannt – und welche nicht?
Die Bewertung der Kommission greift aus unserer Sicht zu kurz. Sie berücksichtigt neuere Forschung nur unzureichend und legt einen engen Evidenzbegriff zugrunde, der komplexe und individualisierte Therapieansätze kaum erfassen kann. Eine solche Verkürzung wird der Vielfalt moderner Versorgung nicht gerecht.
Widersprüche in der Bewertung von Versorgung
Gleichzeitig bleibt ein anderes strukturelles Problem weitgehend unberührt: die zunehmende Polymedikation. Viele Patientinnen und Patienten nehmen mehrere Medikamente gleichzeitig ein – mit bekannten Risiken und oft unklarer Gesamtwirkung. Hier wird ein marginales Einsparpotenzial bei Ergänzungsleistungen forciert, während die eigentlichen Milliardenkosten bei den Arzneimitteln und die Risiken im Bereich der Arzneimittelinteraktionen unbearbeitet bleiben.
Auch stellt sich die dringende Frage nach der Konsistenz der Reform: Warum werden ergänzende, oft präventiv wirkende Therapieformen ausgeschlossen, während die immensen Kostenfolgen und Sicherheitsrisiken einer ungesteuerten Multimedikation kaum hinterfragt werden?
Prävention: falsche Anreize statt echter Stärkung
Auch im Bereich der Prävention zeigen sich widersprüchliche Signale:
Einerseits soll Prävention über Konsumsteuern gesteuert werden. Andererseits werden genau diejenigen stärker belastet, die aktiv Verantwortung für ihre Gesundheit übernehmen – etwa durch die Nutzung ergänzender, oft selbst finanzierter Leistungen.
Damit entsteht ein problematischer Anreiz: Eigeninitiative, die langfristig zur Entlastung des Systems beitragen kann, wird nicht gestärkt, sondern eher erschwert.
Was jetzt auf dem Spiel steht
Die Vorschläge der Kommission betreffen zentrale Prinzipien unseres Gesundheitssystems:
- Zeit und Zuwendung: Wirtschaftlicher Druck darf nicht dazu führen, dass persönliche Betreuung zur Ausnahme wird.
- Soziale Gerechtigkeit: Höhere Zuzahlungen und Leistungskürzungen treffen vor allem diejenigen, die auf Versorgung angewiesen sind.
- Wahlfreiheit und Mitgestaltung: Wenn Krankenkassen kaum noch Gestaltungsspielräume haben, verliert auch die Entscheidung der Versicherten an Bedeutung.
Unser Vorschlag: Reformen mit den Patient:innen denken
Ein tragfähiges Gesundheitssystem braucht mehr als kurzfristige Einsparungen. Es braucht eine klare Ausrichtung an den Bedürfnissen der Menschen:
- eine sinnvolle Verbindung unterschiedlicher medizinischer Ansätze
- mehr Raum für Prävention und Eigenverantwortung
- eine stärkere Einbindung der Patientinnen und Patienten in gesundheitspolitische Entscheidungen
Wir setzen uns dafür ein, dass Reformen nicht über die Köpfe der Menschen hinweg beschlossen werden, sondern gemeinsam mit ihnen entstehen.
Für ein Gesundheitssystem, das Vielfalt ermöglicht, Eigenverantwortung stärkt – und den Menschen ins Zentrum stellt.